Maria Braig
                                                
        
   
Autorin



 Der Mann neben ihr am Strand schreit: „Lauf!“ Und noch einmal: „Los! Lauf!“
     Sie versteht, obwohl es nicht ihre Sprache ist, in der er es  ihr zuruft. Und so läuft sie los, ohne nachzudenken, ohne zurückzusehen. Sie läuft einfach los und hört erst wieder auf zu laufen, als sie sich allein in einem kleinen Dorf wiederfindet, mitten auf dem Dorfplatz. Angestarrt von einer Sechsjährigen, die gedankenverloren in der Nase bohrt. Und von einem Alten, der auf seinen Stock gestützt vornübergebeugt auf einer Bank sitzt und in regelmäßigen Abständen kleine Rauchwölkchen in die Luft entlässt.
     Der Alte und das Kind scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, und als sie mitten auf dem Platz zusammenbricht, erstarrt das Kind, zieht den Finger aus der Nase und läuft weg. Der Alte bläst weiterhin seine Wölkchen, er sieht sie nicht und hört sie nicht. Er sieht und hört wohl gar nichts mehr – hat schon genug in seinem langen Leben gesehen und gehört, sodass es ihm für alle Zeiten ausreicht.

„Europa ist frei. In Europa wirst auch du frei sein“, so hatten sie gesagt. Und diese Hoffnung auf Freiheit hatte sich in ihr eingebrannt und ließ sie alles auf sich nehmen, was diese Reise, die eigentlich keine Reise war, mit sich bringen sollte. Reisen war etwas Freiwilliges. Sie aber hatte sich nicht aus freiem Willen auf den Weg gemacht. Sie musste weg, musste los, musste alles hinter sich lassen, um frei zu sein – um zu leben.
     Auf ihrem Weg begegneten ihr viele, die zu Hause nichts mehr hielt, die es lieber gegen die Fremde eintauschen wollten, weil sie der Überzeugung waren: „Europa ist frei. In Europa wirst auch du frei sein.“
     Trotz der riesigen Entfernung waren auch bei ihnen vor einigen Jahren die Bilder einer stürzenden Mauer angekommen, die ein Land mitten in Europa jahrzehntelang geteilt hatte. Bilder von Zäunen am Rande des damaligen Europas, die abgebaut wurden. Nein, nie wieder würde es Mauern geben in Europa oder Zäune, so hieß es. Europa ist jetzt frei und wird frei bleiben.
     Und frei sein hieß doch zu tun und zu lassen, was man wollte. Zu heiraten oder nicht, zu lieben, wen man wollte, zu essen zu haben, wenn man hungrig war, und vor allem, leben zu können – ohne Angst vor bewaffneten Männern mit oder ohne Uniformen, die mit einem anstellen durften, was ihnen gerade in den Sinn kam.
     Und so war sie eines Nachts aufgebrochen, nur mit dem Notwendigsten bei sich, und hatte alles und alle zurückgelassen. Sie war allein und konnte gehen, musste kein Kind mit sich nehmen und keines zurücklassen.
     „Lauf! Los, lauf!“, flüsterte jemand hinter ihr, als sie mit dem Rucksack, in dem alles war, was sie für ihr neues Leben brauchte, auf die Straße trat und dort noch einmal zögerte, den Schritt aus ihrem alten Leben hinaus zu tun.
     „Lauf! Los, lauf!“
     Sie wusste nicht, hatte wirklich jemand geflüstert oder bildete sie es sich nur ein? Sie sah nicht mehr zurück, sondern lief einfach los. Sie musste sich beeilen, die ersten Anzeichen der Dämmerung waren in der Ferne schon zu erkennen. Sie sah nicht mehr zurück und sie beschloss in diesem Augenblick, niemals mehr zurückzublicken. Sie wollte vergessen, was hinter ihr lag, wer sie war und woher sie kam. Sie hatte es schon vergessen. Sie lief und lief, bis sie nicht mehr konnte. Suchte einen sicheren Ort zum Ruhen, aß und trank, was sie mitgenommen hatte, und dann lief sie weiter. Irgendwann hörte sie auf zu laufen und verfiel in eine gemächlichere Gangart, um nicht die Blicke der Menschen auf sich zu ziehen. Wer läuft, macht sich verdächtig. Wer mit einem prallen Rucksack auf dem Rücken läuft, macht sich sehr verdächtig. Also schritt sie nun zügig voran. Immer Richtung Norden, der Freiheit entgegen.
     Sie ging bei Tag und sie lief in der Nacht, und wenn sie einen sicheren Platz fand, schlief sie. In den Dörfern unterwegs versorgte sie sich mit dem Nötigsten und so vergingen die Tage, einer nach dem anderen. Sie zählte sie nicht.
     An jedem neuen Tag löschte sie die Erinnerung an den vergangenen. Erinnern wollte sie sich erst wieder, wenn sie in Europa war. Ab dem ersten Tag ihres neuen freien Lebens würde sie wieder zulassen, dass sich die Tage in ihre Erinnerung einprägten. Das alte Leben aber sollte für immer vergessen bleiben.


Als Fadia, die Tochter marokkanischer Einwanderer, erfährt, dass ihr Vater sie zwangsverheiraten will, läuft sie von zu Hause weg. Wenige Kilometer weiter strandet Damaris aus Saudi-Arabien auf der Flucht in Deutschland. Als ihr Mann, von dem sie unterwegs getrennt wurde, sie ausfindig macht, möchte sie nicht zu ihm zurück, denn in den vielen Monaten nach der Trennung hat sie ihre Selbstständigkeit entdeckt und sich mit Jane aus Uganda angefreundet. Als Jane ihr dann gesteht, dass sie sich in sie verliebt hat, stellt das Damaris vor Entscheidungen, die ihr bisheriges Weltbild ins Wanken bringen.

Fadia und Damaris treffen in einem Frauenhaus zusammen. Als sie dort eines Tages von den Männern der Familien entdeckt und mit Gewalt weggeholt werden sollen, kommt Hilfe aus einer völlig unerwarteten Ecke.

nie wieder zurück ist ein bewegender Roman, der das Konstrukt fester Kulturen infrage stellt und zeigt, wie Frauen sich ihr Recht auf Entfaltung und ein selbstständiges Leben nehmen.


Bevor ich das Auto des Nachbarsjungen reparierte, woraufhin mein Onkel ausrastete und mir erklärte bzw. erklären ließ, dass er mich schnellstmöglich verheiraten würde, hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht, was es für mich bedeutete, als Frau im Kosovo leben zu müssen. Ich hatte wohl bemerkt, dass die Frauen und Mädchen um mich herum keinen Fuß auf den Boden brachten, wenn sie nicht, mit welchen Tricks auch immer, einen Mann auf ihrer Seite hatten. Aber das hatte ich nie mit mir und meinem eigenen Leben in Verbindung gebracht. Ich war auch hier im Kosovo die selbständige und coole Amra. Frauen, die Unterstützung brauchten, waren andere.
     Mich verheiraten zu wollen war für mich zunächst nur eine irre Idee meines Onkels. Sie ängstigte mich nicht, denn ich bestimmte über mich immer noch selbst, davon war ich überzeugt. Aber es riss mich doch aus meiner ignoranten Lebensrealität, die ich mir geschaffen hatte: Nichts sehen, nichts hören und auf bessere Zeiten warten.

Es war unsinnig gewesen, ihn so anzuschreien, er verstand mich ja auch gar nicht. Aber es tat mir gut und mein eigenes Geschrei weckte mich aus meinem Winterschlaf.
     Ich konnte nicht mehr länger warten, ich brauchte Arbeit. Auch wenn meine Sprachkenntnisse noch gering waren, sie mussten genügen.
     Während ich meinen gesamten Frust der letzten Monate herausschrie, damit aber nur ein Grinsen meines Onkels hervorlockte, was mein Geschrei noch steigerte, war meine Cousine dazugekommen und hatte versucht, mich ins Haus zu ziehen, was ihr aber nicht gelang. Gemeinsam mit Nehbi, die mir die Pläne meines Onkels übersetzte, schleppte sie mich dann aufs Nachbargrundstück und drückte mich auf einen der Stühle, die vor dem Haus standen. Als wir kurz darauf alle drei mit Tee versorgt waren, erklärten mir die Frau und das Mädchen die Welt des Kosovo. Ihre Welt, die jetzt ja auch meine Welt war.
     Als Frau würde ich nie eine Stelle in einer Autowerkstatt bekommen, als Frau könnte ich nicht allein leben in ihrem Land, so erklärten sie mir. Sie hätten zwar vor dem Gesetz inzwischen die gleichen Rechte wie die Männer, aber im Haus meines Onkels war er das Gesetz und Esad richtete sich nach dem Kanun, den traditionellen albanischen Rechtsvorschriften. Außerdem, so erklärten sie mir, war im Kosovo fast die Hälfte aller Menschen arbeitslos und da würde eine Frau nie und nimmer Arbeit als Automechanikerin finden. Ich käme nicht an einer Heirat vorbei, und je früher ich begann mitzuspielen, desto besser wären meine Chancen, mir zumindest den bestmöglichen Mann aussuchen zu können. Ihn müsste ich dann nur glauben machen, dass er der Chef des Haushaltes sei, eine geschickte Frau würde aber immer ihren Kopf durchsetzen, ohne dass der Mann das merkte.
     Ich war mir nicht sicher, ob dieses Fazit meiner Cousine von Nehbi geteilt wurde oder ob sie uns beiden nur nicht die letzte Hoffnung auf ein einigermaßen selbstbestimmtes Leben, wie es meiner Cousine vorschwebte, zerstören wollte.
     Ich hatte zugehört, versuchte zu verstehen, und was ich nicht verstand, wurde mir übersetzt. Ich widersprach nicht, staunte nur, wie ein junges taffes Mädchen, wie es meine Cousine war, diesen Alptraum einer Zukunft einfach so hinnehmen konnte. Ein Mann und Kinder, das war das Leben, das sie erwartete. Wenn sie keinen Mann in ihr Bett ließ, könnte sie nicht überleben, davon war sie überzeugt. Höchstens noch als Prostituierte – und dass ihr ein Mann lieber war als viele, das verstand sogar ich.“


Eugenie hatte Glück. Sie bekam ein Zimmer für sich allein. Die Tür ließ sich nur halb öffnen, dann stieß sie ans Bett, das die gesamte Längswand des Raumes einnahm. Hinter dem Bett war ein Fenster in die Wand eingelassen, das sich nur öffnen ließ, wenn man das Bett von der Wand abrückte. Dazu musste die Tür geschlossen sein. Am Kopfende stand neben dem Bett ein kleines Kästchen, daneben ein Stuhl, dann war die Wand zu Ende. Vor dem Stuhl gab es einen winzigen wackeligen Tisch mit einer Schublade, die sich nur mit Gewalt und viel Geduld öffnen ließ. Daneben war ein Waschbecken angebracht, von dem eine Ecke leicht abgesplittert war. Der Wasserhahn tropfte. Langsam und stetig.
     Zwischen Tür und Waschbecken befand sich ein alter Metallspind, in dem jemand eine Zeitung mit ihr unbekannten Schriftzeichen und eine Tasse ohne Henkel hinterlassen hatte.
     Eugenie hatte nicht ganz zwei Meter mal einen Meter, um sich zu bewegen, aber sie besaß einen Raum für sich allein und in der Tür steckte ein Schlüssel. Jemand schien sich am Schloss zu schaffen gemacht zu haben, aber es funktionierte noch.
     Eugenie war fast glücklich. Der Mensch wird schnell bescheiden: Wird ihm alles genommen und dann ein wenig davon zurückgegeben, so fühlt er sich reich beschenkt. So ging es Eugenie. Und plötzlich begann der Nebel sich zu lichten. Die Schwaden waberten langsam davon, von ihr weg, hinaus durch die Ritzen des geschlossenen, aber undichten Fensters. Und der Wasserhahn tropfte. Langsam und stetig.
     Eugenie ließ sich aufs Bett fallen – und landete unsanft, denn die Matratze war dünn und darunter gab es nur ein Brett. Aber das störte sie nicht. Sie lauschte dem Tropfen des Wasserhahns und ganz langsam fand sie zurück ins Spiel ihres Lebens. Sie war noch immer am Zug, auch wenn sie sich nicht an ihre letzten Schritte erinnern konnte. Sie war immer noch dran und ab jetzt würde sie wieder aktiv und bewusst spielen, alle Wege ausprobieren, um am Ende den richtigen zu finden, der sie ans Ziel führte.
     Sie verstaute ihre wenigen Utensilien im Blechspind, der zwar verbeult und rostig, aber doch einigermaßen sauber war. Dann zog sie den Schlüssel aus dem Schloss der Zimmertür und befestigte ihn an einem kleinen Plüschlöwen, der einen Schlüsselring trug. Seraba hatte ihn ihr beim Abschied geschenkt. „Das ist Seraba“, hatte sie gesagt, „und der hier“ – sie zeigte Eugenie einen zweiten ebensolchen Löwen – „der hier ist Eugenie, der bleibt bei mir. Eines Tages werden die beiden Löwen wieder zusammen sein.“
     Eugenie barg den kleinen Löwen in ihrer Hand und erinnerte sich. Dann gab sie sich einen Ruck und verließ das Zimmer. Sie schloss ab und begann damit, das Haus zu erforschen, das nun für die nächste Zeit ihr Zuhause sein würde. Ihr Zimmer befand sich im Erdgeschoss. Von einem langen, breiten und dunklen Flur gingen viele Türen ab, hinter denen sich andere Zimmer und andere Menschen befanden. Die alte Kaserne besaß drei Stockwerke und unzählige verschieden große Räume, einige so klein wie das von Eugenie, die meisten aber groß und mit mehreren Bewohnern besetzt. Aus den Türen tönte Musik aller Art, Streit, Lachen, Kindergeschrei und ein Gewirr vieler unterschiedlicher Sprachen. Im Erdgeschoss gab es eine große Küche, deren Einrichtung aus ein paar sehr alten Herden bestand, die teilweise ihre Drehschalter und Knöpfe verloren hatten. Geputzt worden waren sie wohl schon lange nicht mehr. Genauso wenig wie das große Spülbecken aus ursprünglich weißem Porzellan, das viele Risse aufwies und wohl nicht ganz dicht war, wie die Pfütze darunter ahnen ließ. Eugenie konnte sich nicht vorstellen, hier zu kochen, auch wenn der appetitliche Geruch, der in der Luft hing, ihr Hunger machte. Es konnte noch nicht allzu lange her sein, dass hier gekocht worden war, obwohl sich nirgends eine Menschenseele blicken ließ.
     Sie ging weiter, der unterwegs immer stärker werdende Geruch nach Urin zeigte ihr den Weg zu den Toiletten. Sie warf einen kurzen Blick hinein, schloss aber schnell die Tür wieder hinter sich und ging die Treppe hinauf ins erste Obergeschoss, in der Hoffnung, dort etwas bessere Zustände vorzufinden. Im ersten Stock gab es keine Küche, dafür Gemeinschaftsduschen, die nur unwesentlich sauberer waren als die Toiletten im Erdgeschoss. Die einzelnen Duschkabinen waren durch Bretterwände, die unten und oben offen waren, voneinander abgetrennt. Ein Vorhang aus Plastik verschloss die Kabine nach außen. Bei den meisten waren einige Ringe ausgerissen und Eugenie unterteilte die Kabinen in gute und schlechte, je nachdem, ob die Aufhängung in der Mitte oder am Rand defekt war, was dann keinen vollständigen Sichtschutz bot. Zu allem Überfluss schien es keine getrennten Duschen für Männer und Frauen zu geben.  Auch der dritte Stock war nicht besser. Es roch noch schlimmer nach Urin als unten. In der Mitte hatte Eugenie keine Toiletten finden können, was den fehlenden Geruch erklärte. Duschen gab es keine, Toiletten und Küche waren in einem ähnlichen Zustand wie im Erdgeschoss.
     Besonders willkommen schien sie den Deutschen nicht zu sein, überlegte Eugenie, während sie die Treppe wieder nach unten ging.


Seit Tagen hatte ich nicht mehr geschlafen. Sobald ich mich ins Bett legte und die Augen schloss, kamen sie zu mir. Weiße, braune, schwarze Gesichter. Frauen, Männer, Kinder. Alte und Junge. Ein Mann trug sein ertrunkenes Kind auf dem Arm, von dem das Wasser in mein Bett tropfte, eine Frau hielt mir ihr steifes, erfrorenes Baby hin, als ob sie es mir geben wollte. All diese Gestalten, all diese Menschen hatte ich ins Elend, wenn nicht sogar in den Tod geschickt, so schien es mir. Auch wenn sie nur schweigend um mich herumstanden, so glaubte ich doch zu hören:
     „Du hast uns weggeschickt, du hast entschieden, dass wir gehen müssen. Zurück in ein Land, in dem wir nicht leben können. In dem sie uns nicht in Ruhe leben lassen.
     In ein Land in dem wir nicht leben können, weil wir keine Arbeit haben, kein Haus, kein Essen für unsere Kinder. Weil die meisten so arm sind, dass es gerade mal zum Überleben reicht, aber nicht zum Leben. Und für manche noch nicht einmal dazu.
     In ein Land, in dem sie uns nicht in Ruhe leben lassen. Weil wir Roma sind, weil wir lesbisch sind oder schwul oder transsexuell. Weil wir Frauen sind und deshalb ständig in Gefahr und ohne Möglichkeit, jemals unser eigenes, unabhängiges Leben zu leben.
     Du hast entschieden, dass wir gehen müssen, weil es kein besonderes Gesetz in unserem Land gibt, das bestimmt, dass wir verfolgt werden für das, was wir sind. In ein Land, in dem es aber auch niemanden gibt, der unsere Unterdrückung verhindert.“
     Ich drehte mich weg, aber auf der anderen Seite des Bettes standen sie auch. Obwohl da die Wand war, starrten mich auch von dieser Seite die Gesichter an und ich hörte ihre stummen Vorwürfe. Ich zog die Decke über den Kopf, wollte nichts mehr sehen und nichts mehr hören, wollte nur meine Ruhe haben und schlafen. Schlafen ...
     Aber auch in den Schlaf hinein verfolgten sie mich. Ob ich die Augen geöffnet oder geschlossen hatte, immer sah ich sie da stehen, sah ihre Blicke und hörte ihre Klagen gegen mich. Dann dämmerte ich weg und der Traum führte mich vor ein Tribunal. Ich war die Angeklagte, vor mir saßen mehrere Richter in ihren schwarzen Roben und blätterten in meinen Akten. Ich konnte genau sehen, dass dies von mir angelegte Akten waren. Schicksale, über die ich entschieden hatte oder über die ich noch entscheiden musste. Ich drehte mich um, weil ich es hinter mir raunen hörte und sah wieder ihre Gesichter. Weiße, braune, schwarze Gesichter. Alte Gesichter und junge, die schon fast genauso verbraucht und gezeichnet wirkten wie die der Älteren. Ich wollte aufstehen, versuchte verzweifelt von meinem Stuhl hochzukommen und erwachte, als es nicht gelang. Aber im Erwachen war keine Rettung, denn nun standen sie wieder um mein Bett herum und sahen mich an. Sahen mich an mit diesem verlorenen, diesem verzweifelten Blick, den ich in den letzten Monaten immer und immer wieder bei all den Menschen gesehen hatte, die vor mir in meinem Büro saßen, mit schwitzenden Händen, unruhigen Füßen und einem Geruch nach Angst, der mich nach jedem Interview das Fenster aufreißen ließ.



„Setz dich!“ Ghaffar ließ sich auf einem Sitzkissen nieder.

         

„Bacha Bazi kann man nicht mit einem Wort erklären. Wenn du wissen willst, was dein neuer Freund macht, dann musst du dir ein wenig Zeit nehmen.“

Shirin setze sich Ghaffar gegenüber. Sie wunderte sich über Ghaffars Verhalten, freute sich aber auch, dass er bereit war zu reden und sie nicht wie ihre Mutter und Faruk mit ihrer Frage einfach stehen ließ.

„Pass genau auf“, begann Ghaffar. „Es ist kompliziert und ich muss ein wenig ausholen.“

Ghaffar setzte sich zurecht, ganz wohl war ihm bei der Sache nicht. Es fiel ihm nicht leicht, über all das zu reden, was er Shahin nun erklären musste, aber was sein musste, musste eben sein.

„Hat dir schon mal jemand erklärt, was zwischen Männern und Frauen passiert? Weißt du, woher die Kinder kommen?“

Shirin sah Ghaffar fragend an, eigentlich wollte sie etwas ganz anderes wissen, nicht, woher die Kinder kamen. Schließlich war sie kein Baby mehr und wusste genau, dass die Kinder aus dem Bauch der Mutter kamen. Allerdings, wie sie da hineingekommen waren, darüber hatte sich Shirin noch nie Gedanken gemacht. Aber was das nun mit Jungenspielen zu tun hatte, war ihr schleierhaft, doch sie wollte Ghaffar nicht unterbrechen, aus Angst, wieder nicht zu erfahren, um was es bei Bacha Bazi ging und was Faruks Geheimnis war. Sie sah Ghaffar fragend an und der fuhr fort.

„Früher lebten in Afghanistan Männer und Frauen anders als jetzt, jedenfalls in den Städten, in vielen kleinen Dörfern war es wohl immer schon so wie heute. Jungen und Mädchen gingen in die Schule, konnten studieren, wenn sie wollten und anschließend einen Beruf ausüben.“

Shirin erinnerte sich an die Erzählungen ihrer Großeltern und nickte.

„Mädchen und Jungen trafen sich in Teestuben oder in der Universität, sie lernten sich kennen, verliebten sich und heirateten, wenn sie sich liebten und für immer zusammenbleiben wollten. So habe ich meine Frau kennengelernt. Wir haben geheiratet, haben beide gearbeitet, sie war Lehrerin und ich Lehrer, wir haben zusammen Konzerte besucht und sind im Park und in der Stadt spazierengegangen. Wie damals leben wir beide heute noch zusammen. Wir lieben uns und respektieren uns, niemand von uns ist wichtiger als der andere oder hat mehr zu sagen. Wir entscheiden gemeinsam, wie wir leben wollen. Aber das kann in dieser Zeit nur noch zu Hause so geschehen. Heute soll eine Frau möglichst nicht mehr aus dem Haus gehen und wenn doch, dann mit einer Burka bekleidet. Die Gesetze sind neuerdings nicht mehr ganz so streng, wie es eine Zeit lang war, aber dennoch hat sich im Großen und Ganzen nicht viel geändert. Zwar dürfte meine Frau nach dem Gesetz jetzt wieder als Lehrerin in einer Mädchenschule arbeiten, aber aus irgendwelchen Gründen bekommen wir beide keine Erlaubnis, wieder in die Schule zu gehen. Man muss bei den Warlords und den Staatsbediensteten beliebt sein, heutzutage, wenn man etwas erreichen will.“

Shirin nickte. Auch ihr Vater hatte ja nicht mehr in seinem Beruf arbeiten dürfen, weil die Großeltern sich unbeliebt gemacht hatten. Aber sie sagte nichts, sondern wartete darauf, dass Ghaffar fortfuhr.

„Aber ganz egal, ob eine Frau heute wieder arbeiten darf oder nicht, sie hat im öffentlichen Leben nichts zu suchen. Nicht bei uns in der Stadt und erst recht nicht auf dem Land. Wo Männer sind, haben Frauen nicht zu sein. Ich kann meine Frau also nicht mehr mitnehmen, wenn ich mit Freunden feiern möchte, sie darf nicht mit mir im Laden arbeiten, sie darf eigentlich gar nichts. Wir Männer, so heißt es, sind besser und wichtiger als die Frauen und diese sollen uns gehorchen. Und wenn die Frau ihrem Mann nicht gehorcht, dann ist der bei den anderen unten durch. Dann ist er kein richtiger Mann und wird ausgelacht und je nachdem, was er tut, was er seine Frau machen lässt, sogar bestraft.“

Shirin fand es zwar sehr spannend, was Ghaffar da erzählte, es war genau das Leben, wovor sie sich gefürchtet hatte, als sie noch Shirin war und wusste, dass genau das auf sie wartete, wenn sie älter wurde. Aber sie musste eigentlich wieder los, die Kunden der zweiten Runde warteten sicher schon und Ghaffar machte den Eindruck, als würde er noch den ganzen Tag weitererzählen, wenn sie ihn nicht unterbracht.

„Aber, Ghaffar, was ist Bacha Bazi?“, warf sie deshalb ein, als der Teehändler eine kleine Pause machte.




„Was soll das?“, rief Danny mehr verwirrt als erschrocken. „Habt ihr einen Vogel? Schließt sofort die Tür wieder auf.“

         

Er ging zum Tisch, stellte den Pappkarton ab und zog sein Handy aus der Jackentasche. „Macht sofort den Weg frei, oder ich rufe die Polizei“, sagte er dramatisch. Er hörte sich an, als ob er einem Kriminalfilm entlaufen wäre.

Da er zur Tür sah, während er mit den Dreien, die ihm den Rückweg versperrten sprach, bemerkte er zu spät, dass Abdo und Slash sich ihm von hinten näherten. Sie schlichen an Danny heran und als sie nahe genug waren, nahm Slash ihm das Handy weg. Danny war zu verdattert, um etwas zu unternehmen und hielt sich am Tisch fest.

„Was soll das? Was wollt ihr von mir?“, fragte er schließlich. Ziemlich schnell hatte er sich vom ersten Schrecken erholt und begann zu lachen. „Habt ihr einen an der Klatsche, ihr Mistgören? Macht sofort die Tür auf oder muss ich euch zeigen, dass man sich mit mir besser nicht anlegt? Ich will es euch nochmal durchgehen lassen, ihr Zwerge, wenn ihr sofort den Schlüssel rausrückt und den Weg freigebt. Falls nicht …“

„Was dann, falls nicht?“, ergriff nun Luke das Wort und baute sich vor Danny auf. „Du hast eine ganz schön große Klappe. Wir sind vielleicht kleiner als du, aber wir sind zu fünft, falls dir das entgangen sein sollte.“

„Na und?“ Danny drehte sich einmal um sich selbst. „Maximal drei von euch zählen“, sagte er dann, „oder nein, zweieinhalb. Die mit dem Rollstuhl kann man ja schon mal von vorneherein vergessen. Das kleine Würstchen aus Afrika scheint mir auch nicht gerade der Stärkste zu sein; und dann noch ein Mädchen, das zwar laufen kann, aber sonst halt doch nur ein Mädchen ist.“

Lena war schneller bei Danny, als der reagieren konnte. Sie knallte ihn auf den Stuhl, der rücklings vor dem Tisch stand, während Ferrari mit Schwung angefahren kam und direkt vor Danny stehen blieb. Sie legte die Bremse ein und Danny war nun eingeklemmt zwischen Ferraris Gefährt und der Stuhllehne.

„Los Abdo, zeig ihm wer hier klein und schwach ist“, ermutigte Slash den Freund, der in der Zwischenzeit auf den Tisch gesprungen war und nun von oben herab Danny und die Lehne des Stuhls mit einem Seil umwickelte, bis der Junge sich nicht mehr bewegen konnte.

„Macht mich sofort los! Was ist das für ein Kindergarten hier? Ich mach‘ euch alle fertig, einen nach dem anderen, bis ihr selbst nicht mehr wisst, wie ihr heißt.“ Danny tobte und die fünf Doppelpunkte standen um ihn herum und sahen interessiert zu. Geduldig warteten sie, bis ihr Gefangener sich schließlich in sein Schicksal ergab.

„Was wollt ihr denn von mir, warum tut ihr das?“, fragte er leise, nachdem er sich beruhigt hatte. Danny hörte sich nun fast ein wenig ängstlich an.

Die fünf sahen sich an, dann sagte Luke langsam und überdeutlich: „Du, Danny, hast den Knochen-Paul gestohlen!“

Alle warteten sie gespannt, was nun folgen würde. Hundertprozentig sicher waren sie sich nicht, ob sie mit ihrem Verdacht richtig lagen. Aber wenn ihre Taktik funktionierte, dann würde sich nun alles aufklären.

Danny sagte nichts. Aber seine Augen wurden groß und er selbst ganz klein auf seinem Stuhl.

Ziemlich uncool, wie er da in den Seilen hängt, dachte Luke und der große Junge tat ihm fast schon leid.

Ferrari, die auf Augenhöhe mit Danny war, funkelte ihn erbarmungslos an. „Wo ist der Knochen-Paul? Was hast du mit dem Skelett angestellt?“

Sie setzte noch eins drauf. „Wir wissen genau, dass du das warst. Mit deinem Lastenfahrrad hast du ihn weggebracht.“

„Aber“, sagte Danny, „aber ich …“

„Jetzt behaupte bloß nicht, dass du das nicht warst.“ Lena war fest entschlossen, ihn so lange in die Ecke zu treiben, bis er alles zugab. Sie sah Slashs unsicheren und Abdos etwas ängstlichen Blick, ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen. Sollte Danny erst mal beweisen, dass er es nicht war, der das Skelett geklaut hatte.

„Wir wissen alles über deinen Großonkel. Also versuch nicht, dich rauszureden.“

Dannys Augen wurden noch größer und er rutschte, soweit ihm das möglich war, unruhig auf dem Stuhl herum.

„Wo hast du deinen Großonkel hingebracht?“, fragte Luke. „Hast du ihn etwa auf den Müll geschmissen? Nein, ich weiß, du hast die Knochen deinem Hund gegeben. Er sollte sie zerbeißen und die Reste verbuddeln, damit niemand das Skelett finden kann.“

„Neiiiiiiiiiiin“, schrie Danny, ohne weiter nachzudenken. „Ich lasse doch den Hund nicht meinen Großonkel fressen. Spinnst du? Das Skelett liegt im …“ Er verstummte, als er merkte, dass er in die Falle gegangen war.